Zur Grundlagenarbeit

Begonnen wird mit dem Buch „Die Philosophie der Freiheit“, in dem Steiner darlegt, dass Freiheit situativ und aus unmittelbarer Einsicht errungen wird. Es ist wie im täglichen Unterricht: Das, was gestern gut von den Schülern aufgenommen worden ist, führt heute zu Langeweile; die Inhalte und vor allem die Art der Vermittlung sind je nach Klassensituation neu zu erfinden.

Aber was hat das mit Freiheit zu tun?

Jeder Lehrer bereitet sich natürlich vor, berät sich mit Kollegen, baut auf eigenen Erfahrungen auf, die er in der Vergangenheit gemacht hatte usw. Aber immer wieder kommen die Situationen, wo man sich auf nichts Vergangenes mehr abstützen kann und geistesgegenwärtig agieren muss. Man hat dann eine Einsicht, jetzt muss das getan werden – oder eben nicht. Dieses Handeln aus meiner unmittelbaren Einsicht ist ein wichtiges Moment der Freiheit. Wie man sich so einem Ideal zumindest anfänglich annähern kann, wird dann unter Berücksichtigung vieler alltäglicher Erfahrungen besprochen.

Das scheint zu bedeuten: Der Waldorflehrer strebt an, einen lebendigen Unterricht zu machen und eben aus Freiheit zu erziehen. Aber der Waldorfklassiker heißt doch „Erziehung zur Freiheit“?

Das will nach meinem Verständnis heißen, dass in jedem Kind eine solche Freiheitsanlage vorhanden ist, eben eine kleine autonome freie Persönlichkeit schlummert, die langsam in der Schulzeit aktiviert werden soll. Und die Erziehung zur Freiheit kann am besten gelingen, wenn der Lehrer eben aus Freiheit zu handeln versucht. An diesem Vorbild können die Schüler aufwachen.
Das klingt zunächst sehr anspruchsvoll, ist aber…

…ist aber wie im täglichen Leben, oder? Im Beruf, zu Hause kommen ja auch immer wieder diese unkalkulierbaren Situationen vor, wo man sich etwas Neues und Originelles einfallen lassen muss, wo alles Alte nicht mehr trägt. Was ist jedoch das Besondere an der „Philosophie der Freiheit“ und der Anthroposophie?

Im Seminar wird versucht, in jedem von uns, diesen Freiheitskern langsam zu entdecken. Das ist kein Lehrinhalt mit verschiedenen Modulen, sondern ein Weg ehrlicher und offener Selbsterkenntnis, letztlich ein Weg zu dem innersten Kern des eigenen Selbst. Und das ist ja Anthroposophie – ein Entwicklungsweg zu sich selbst. Je mehr man jedoch bei sich selbst entdeckt, je mehr sieht man in der Welt draußen. Und was kommt dann?

Anhand des weiteren Buches „Theosophie“ wird dieser Weg der Selbsterkundung fortgesetzt: Worin bestehen seelische Tätigkeiten in mir? Was ist eigentlich der Geist im Menschen? Gibt es wirklich eine Reinkarnation, eine Wiederverkörperung des Geistes usw.?

Wozu brauche ich das in der Waldorfpädagogik?

Es geht darum, die Anschauungen aus der Anthroposophie über den Menschen als innere Auseinandersetzung anzunehmen. Aber warum soll ich mich mit diesen Fragen auseinandersetzen, wenn in der Klasse Bruchrechnen oder Grammatik auf der Tagesordnung steht?

Es ist für das Unterrichten ein Unterschied, ob ich ein Gespür dafür entwickeln kann, dass die Kinder von einer langen Reise mit einer eigenen Geschichte hier auf der Erde ankommen. Es ist wichtig für das je Originelle und Eigentümliche der Schüler wach zu werden. Das gehört zum Kern der Waldorfpädagogik. Und mit dem letzten Abschnitt, dem Lehrerkurs „Allgemeine Menschenkunde“, mit dem Rudolf Steiner 1919 die Grundlagen für die erste Waldorfschule 1919 gelegt hatte, werden all`diese Fragen vertieft.